Wer hält die Bilder von morgen für uns wach?

von | Okt. 9, 2026 | Allgemein

Was geschieht mit unseren Wünschen, wenn der Alltag immer mehr Raum einnimmt? Susan Ebrahimis Liedtext ist Anlass für eine persönliche Reflexion.

Susan Ebrahimis „Ich bin dein Träume-Erfinder“ erzählt von einer geheimnisvollen Figur, die Menschen Hoffnung und Zukunftsbilder schenkt. Besonders beschäftigt mich der Moment, in dem Träume leiser werden. Was geschieht mit unseren Wünschen, wenn der Alltag immer mehr Raum einnimmt? Und wer hilft uns, sie nicht aus dem Blick zu verlieren?

Es gibt Tage, an denen wir vor allem damit beschäftigt sind, das Nötige zu schaffen. Wir beantworten Nachrichten, organisieren Termine und kümmern uns um das, was keinen Aufschub duldet. Am Abend ist vieles erledigt. Die Frage, was wir selbst eigentlich vom Leben erwarten, hat trotzdem kaum Platz gefunden.

Wenn das über längere Zeit so geht, können Wünsche in den Hintergrund rücken. Sie verschwinden vielleicht nicht. Aber wir denken seltener an sie, sprechen weniger darüber und verschieben sie immer wieder auf später. Irgendwann fehlt uns sogar die Ruhe, uns dieses Später vorzustellen. 

Beim Lesen des Liedtextes zu Susan Ebrahimis „Ich bin dein Träume-Erfinder“ beschäftigt mich deshalb besonders eine Stelle: Die geheimnisvolle Erzählerfigur macht sich auch dann auf die Reise, wenn Träume leiser werden. In dieser Idee steckt für mich eine Frage, die weit über die nächtliche Fantasie des Songs hinausführt: Wer hält unsere Bilder von morgen wach, wenn wir selbst gerade kaum Kraft dafür haben?  

 

 

Wünsche, die neben der Verantwortung bestehen dürfen

 

Für mich hat diese Frage viel mit einem Alltag zu tun, in dem Verantwortung einen großen Platz einnimmt. Wer einen Angehörigen pflegt, kennt Aufgaben, die sich nicht einfach auf einen günstigeren Zeitpunkt verschieben lassen. Versorgung, Absprachen und Organisation brauchen Aufmerksamkeit. Dazu kommen Sorgen, die auch dann noch da sind, wenn eine konkrete Aufgabe längst erledigt ist.

In einem solchen Leben brauchen eigene Wünsche einen Platz. Der Wunsch nach Entlastung, beruflichen Möglichkeiten oder einem Zuhause, in dem man sich wohlfühlt, darf neben der Fürsorge bestehen. Diese Wünsche ernst zu nehmen kann helfen, die eigene Zukunft überhaupt noch als etwas Gestaltbares wahrzunehmen.

Dabei können Träume sehr konkret sein. Manchmal wünschen wir uns einen freien Nachmittag oder einen verlässlichen Menschen, mit dem wir etwas teilen können. Manchmal geht es um einen größeren Schritt, der schon lange in unseren Gedanken lebt. Wie groß ein Wunsch von außen wirkt, sagt wenig darüber aus, wie viel er für den betreffenden Menschen bedeutet.

 

 

Hoffnung braucht Bilder

 

Susan Ebrahimi schrieb den Liedtext selbst. Darin reist eine Figur durch die Nacht und bringt ihrem Gegenüber Visionen, Hoffnung und schöne innere Bilder. Zauberei und Poesie gehören zu ihrer Sprache. Das Lied schafft so einen Raum, in dem Sehnsucht eine Gestalt bekommt.

Ich lese diese Geschichte als Einladung, Zukunft wieder vorstellbar werden zu lassen. Ein Bild kann uns helfen, einen Wunsch genauer zu erkennen: Wie könnte ein entlasteter Tag aussehen? Welche Arbeit würde uns Freude machen? Mit wem möchten wir mehr Zeit verbringen?

Solche Gedanken lösen noch keine praktischen Schwierigkeiten. Für eine Veränderung braucht es häufig Unterstützung, Entscheidungen und Möglichkeiten, die wir nicht allein herstellen können. Trotzdem kann ein Zukunftsbild einen ersten Anhaltspunkt geben. Es zeigt uns, worauf wir hoffen und wonach wir fragen möchten.

 

 

Menschen, die sich an unsere Träume erinnern

 

Besonders berührt mich am Text die wiederkehrende Zusage von Anwesenheit. Die Figur ist da, hört gewissermaßen auf die Fragen ihres Gegenübers und setzt ihre Reise fort. Für mich öffnet das eine sehr menschliche Lesart: Wir brauchen manchmal jemanden, der unsere Wünsche noch kennt, wenn wir selbst nur vom nächsten Termin sprechen.

Ein solcher Mensch muss nicht sofort eine Lösung haben. Vielleicht fragt er nach einer Idee, die wir vor Wochen erwähnt haben. Vielleicht erinnert er uns an eine Fähigkeit, die im Alltag kaum zum Einsatz kommt. Oder er hört zu, ohne unseren Wunsch gleich auf seine Umsetzbarkeit zu prüfen.

Darin kann viel Ermutigung liegen. Ein Traum bekommt wieder Aufmerksamkeit. Wir müssen ihn nicht allein festhalten. Und wir dürfen herausfinden, welcher Teil davon vielleicht doch einen nächsten Schritt erlaubt.

 

 

Kein Zwang zur Zuversicht

 

Hoffnung lässt sich allerdings nicht verordnen. Es gibt Situationen, in denen Menschen erschöpft, enttäuscht oder traurig sind. Dann kann schon die Aufforderung, doch positiv zu denken, wie eine zusätzliche Aufgabe wirken.

Deshalb möchte ich die Songidee behutsam weiterführen. Wenn Träume leiser werden, muss niemand sich dafür rechtfertigen. Vielleicht ist zunächst Ruhe nötig. Vielleicht konkrete Hilfe. Vielleicht ein Gespräch, in dem auch Zweifel ausgesprochen werden dürfen.

Die Vorstellung einer Begleiterin gefällt mir gerade deshalb: Sie könnte anwesend bleiben, ohne eine sofortige Reaktion zu verlangen. Auch ein still gewordener Wunsch hat dann noch einen Platz. Er muss sich nicht jeden Tag beweisen.

 

 

Dem eigenen Morgen einen Gedanken schenken

 

Susan Ebrahimis Single ist seit dem 9. Oktober 2026 erhältlich. Für mich bietet ihr Liedtext einen Anlass, über Wünsche nachzudenken, die unter dem Gewicht des Alltags leiser geworden sind. 

Vielleicht können wir heute einen davon wieder benennen. Aufschreiben, was wir vermissen. Einem vertrauten Menschen davon erzählen. Oder überlegen, welche Unterstützung einen kleinen Schritt möglich machen würde.

Nicht jeder Wunsch wird Wirklichkeit werden. Manche verändern sich unterwegs. Dennoch möchte ich mir die Fähigkeit bewahren, ein Morgen zu sehen, das mehr enthält als die Fortsetzung der heutigen Aufgaben.

Vielleicht beginnt genau dort eine neue Reise: bei einem Gedanken, dem wir wieder Raum geben.

 

 

Zur Musik: Susan Ebrahimi – „Ich bin dein Träume-Erfinder“. Text: Susan Ebrahimi. Komposition: Willy Klüter & Manfred Hochholzer. Produktion: Willy Klüter. Eine Vorstellung mit Textanalyse gibt es bei Hitbarometer:

 

https://hitbarometer.de/susan-ebrahimi-ich-bin-dein-traeume-erfinder/ 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Andreas Breitkopf

Andreas Breitkopf

freiberuflicher Journalist & PR-Referent

Andreas Breitkopf ist freiberuflicher Journalist und PR-Referent mit einer Leidenschaft für gut recherchierte Inhalte und klare Kommunikation. Mit seiner langjährigen Erfahrung in der Medienbranche bringt er komplexe Themen auf den Punkt und gibt seinen Lesern hilfreiche Einblicke sowie praxisnahe Tipps. Als Vollzeitpfleger seiner Mutter meistert Andreas zudem den Spagat zwischen Familie und Beruf, was ihm eine besondere Perspektive auf die Herausforderungen des Lebens gibt.

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