Wenn Tage vor allem aus Verantwortung bestehen, wird das Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten manchmal leiser. Der Titel „Du kannst es immer noch“ des angekündigten Duetts von Sonia Liebing und Bernhard Brink hat bei mir einen Gedanken angestoßen: Vielleicht brauchen wir öfter eine Ermutigung, die uns etwas zutraut, ohne noch mehr von uns zu verlangen.
Es gibt Sätze, die wir schnell zu anderen sagen und uns selbst viel seltener gönnen. „Das schaffst du.“ „Du hast es nicht verlernt.“ „Trau dich ruhig.“ Wir erkennen bei einem anderen Menschen Möglichkeiten, während wir bei uns selbst vor allem sehen, was gerade schwierig geworden ist.
Der Titel „Du kannst es immer noch“ hat mich an diese Ungleichheit erinnert. So heißt das neue Duett von Sonia Liebing und Bernhard Brink, das am 9. Oktober erscheint. Mich beschäftigt hier zunächst der Satz selbst. Vier Wörter, die jemandem etwas zutrauen. Und die Frage, warum wir solche Worte manchmal dringender brauchen, als wir zugeben möchten.
Wenn der Alltag den Blick auf uns verengt
Ein voller Alltag gibt uns laufend Rückmeldungen. Da ist der nächste Termin, der organisiert werden muss. Eine Nachricht wartet auf Antwort. Irgendwo fehlt eine Entscheidung, ein Formular, ein Anruf. Was erledigt wurde, ist schnell selbstverständlich. Was liegen bleibt, bleibt dagegen sichtbar.
So entsteht leicht ein schiefes Bild. Wir sehen unsere offenen Aufgaben genauer als unsere Fähigkeiten. Wir messen uns an dem, was noch nicht gelungen ist, und übergehen, was jeden Tag bereits gelingt. Wer viel Verantwortung trägt, kann dadurch den Eindruck bekommen, hauptsächlich aus Pflichten und Versäumnissen zu bestehen.
Mich beschäftigt daran besonders, wie unauffällig dieser Prozess sein kann. Niemand muss uns ausdrücklich etwas absprechen. Manchmal reicht es, dass über längere Zeit alles andere wichtiger erscheint. Eigene Wünsche werden verschoben. Eine vertraute Freude wird seltener. Irgendwann klingt aus „Im Moment habe ich dafür keinen Raum“ fast unbemerkt „Das ist wohl nichts mehr für mich“.
Lange nicht getan heißt nicht automatisch verlernt
Zwischen diesen beiden Sätzen liegt ein großer Unterschied. Etwas lange nicht getan zu haben, sagt zunächst wenig darüber aus, ob wir es noch können. Vielleicht fehlt die Gelegenheit. Vielleicht die Energie. Vielleicht auch ein Mensch, der uns ermutigt, ohne dabei Erwartungen auf uns abzuladen.
Das kann beim Schreiben so sein, beim Singen, beim Tanzen oder bei einem Gespräch, das uns wieder aus den Routinen herausholt. Nicht jede Fähigkeit lässt sich sofort abrufen. Manches braucht Übung, anderes Zeit und Ruhe. Aber eine Pause ist noch kein endgültiges Urteil.
Ich finde diesen Gedanken tröstlich, weil er den Alltag ernst nimmt. Er verlangt nicht, dass wir morgen alles wieder so tun wie früher. Er lässt zu, dass sich Bedingungen verändert haben. Zugleich hält er die Möglichkeit offen, dass von unseren Interessen und Fähigkeiten mehr geblieben ist, als wir im erschöpften Moment erkennen.
Ermutigung braucht keinen zusätzlichen Druck
Allerdings kommt es darauf an, wie ein solcher Satz gemeint ist. „Du kannst es immer noch“ kann freundlich klingen. Er kann aber auch zur Forderung werden, wenn danach eigentlich ein „Also mach jetzt“ folgt.
Gerade Menschen, die ohnehin viel tragen, brauchen nicht jede Woche eine neue Herausforderung. Wer erschöpft ist, muss sich seine Stärke nicht durch zusätzliche Aufgaben beweisen. Wer eine Pause braucht, widerlegt damit nicht seine Fähigkeiten. Für mich liegt der Wert einer Ermutigung darin, dass sie Handlungsspielraum öffnet.
Ein hilfreicher Satz könnte deshalb lauten: Du darfst es versuchen. Du darfst langsam anfangen. Du darfst herausfinden, ob es dir heute noch Freude macht. Und du darfst auch feststellen, dass du inzwischen etwas anderes möchtest.
Selbstvertrauen wird nicht größer, wenn es ständig unter Beweis gestellt werden muss. Es wächst eher dort, wo ein Versuch möglich ist, ohne dass sein Ergebnis gleich über den eigenen Wert entscheidet.
Wir müssen nicht genau wie früher sein
Das Wort „noch“ lenkt den Blick in die Vergangenheit. Darin liegt etwas Schönes, weil es an Erfahrungen erinnert. Darin kann aber auch eine Falle liegen: die Vorstellung, nur dann zufrieden sein zu dürfen, wenn wir wieder genau so sind wie früher.
Menschen verändern sich. Verantwortung, Enttäuschungen und neue Erfahrungen hinterlassen Spuren. Manche Möglichkeiten werden kleiner, andere entstehen erst später. Vielleicht fehlt heute die Unbeschwertheit von damals. Dafür ist das Urteil klarer geworden. Vielleicht dauert manches länger. Dafür wissen wir genauer, was uns wichtig ist.
Ich möchte Selbstvertrauen deshalb nicht an eine frühere Version von mir binden. Es muss auch mit meinem heutigen Leben vereinbar sein. Mit begrenzter Zeit, mit Verantwortung und mit Tagen, an denen schon das Nötigste Kraft kostet.
Der Maßstab kann kleiner werden, ohne bedeutungslos zu sein. Ein Absatz, den ich gern geschrieben habe. Ein Gespräch, das gutgetan hat. Ein Lied, bei dem ich kurz nicht an die nächste Aufgabe denke. Solche Momente lösen nicht alle Probleme. Sie erinnern aber daran, dass im eigenen Leben mehr vorkommen darf als das, was erledigt werden muss.
Was Musik dabei anstoßen kann
Musik kann einen Gedanken manchmal leichter zugänglich machen als eine lange Erklärung. Ein Titel bleibt hängen. Eine Formulierung begleitet uns weiter. Wir entdecken darin etwas, das mit unserem eigenen Alltag zu tun hat, auch wenn wir noch nicht wissen, welche Geschichte ein Song im Einzelnen erzählt.
Bei „Du kannst es immer noch“ ist es für mich genau dieser sprachliche Impuls. Sonia Liebing und Bernhard Brink setzen mit der neuen Single ihre Zusammenarbeit fort. Für meinen persönlichen Blick wird der Titel zu einer Frage: Wem würde ich heute gern etwas zutrauen? Und warum fällt es mir schwerer, dieselbe Freundlichkeit auf mich selbst zu richten?
Vielleicht braucht es darauf keine große Antwort. Vielleicht reicht es, einen eigenen Wunsch nicht sofort beiseitezuschieben. Sich an eine Fähigkeit zu erinnern, die lange keinen Platz hatte. Oder einem Menschen ausdrücklich zu sagen, was man an ihm sieht.
Ich wünsche mir mehr von dieser Art Ermutigung. Worte, die weder die Belastung kleinreden noch aus Zuversicht eine neue Pflicht machen. Worte, die uns erlauben, im heutigen Leben nach unseren Möglichkeiten zu suchen. Auch dann, wenn sie anders aussehen als früher.
Bezug zur Musik
„Du kannst es immer noch“ von Sonia Liebing und Bernhard Brink erscheint laut bereitgestellter Presseinformation am 2. Oktober 2026. Produziert wurde das angekündigte zweite gemeinsame Duett von Thorsten Brötzmann. Der Blogbeitrag ist eine eigene Reflexion über den Titel, keine Interpretation des vollständigen Songtexts.
Querverweis: „Die musikalische Zusammenarbeit von Sonia Liebing und Bernhard Brink ordne ich im Beitrag auf hitbarometer.de ein.“
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