Fürsorge heißt hinsehen

von | Aug. 25, 2026 | Allgemein

Patientensicherheit beginnt mit Aufmerksamkeit: Fürsorge bedeutet, medizinische Entscheidungen nachzuvollziehen, Fragen zu stellen und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.

Ein Behandlungsfehler ist niemals nur eine Zahl in einer Jahresstatistik. Hinter jedem bestätigten Fall steht ein Mensch, der einer medizinischen oder pflegerischen Behandlung vertraut hat – und dabei einen vermeidbaren Schaden erlitt.

Die aktuelle Jahresstatistik 2025 der Medizinischen Dienste macht erneut deutlich, weshalb Patientensicherheit nicht als Randthema des Gesundheitswesens behandelt werden darf. Sie betrifft uns alle. Als Patienten, als Angehörige und als Menschen, die anderen ihre Gesundheit und manchmal ihr Leben anvertrauen müssen.

Für mich ist dieses Thema besonders wichtig. Seit meine Mutter im Jahr 2012 einen Herzinfarkt erlitt und infolge der schweren Hirnschädigung im Wachkoma lebt, gehören medizinische und pflegerische Entscheidungen zu meinem Alltag. Als Sohn, pflegender Angehöriger und gesetzlicher Betreuer trage ich seit vielen Jahren Verantwortung für ihre Versorgung.

Dabei habe ich gelernt: Fürsorge bedeutet nicht nur, einen Menschen zu versorgen. Fürsorge bedeutet auch, aufmerksam zu bleiben, Fragen zu stellen und im Zweifel ein zweites Mal hinzusehen

 

 

 

2.700 bestätigte Fälle mit vermeidbarem Schaden

Im Jahr 2025 begutachteten die Medizinischen Dienste insgesamt 11.735 Behandlungsfehlervorwürfe. In 3.503 Fällen wurde tatsächlich ein Fehler festgestellt. Bei 2.700 Fällen bestätigten die Gutachter zudem, dass der Behandlungsfehler den entstandenen gesundheitlichen Schaden verursacht hatte.

Unter diesen Fällen waren 186 Menschen von einem schweren Dauerschaden betroffen. In 48 Fällen wurde aufgrund des Fehlers eine lebensrettende Maßnahme notwendig. Bei 97 Patientinnen und Patienten hatte der festgestellte Behandlungsfehler nach Einschätzung der Gutachter den Tod zur Folge.

Diese Zahlen dürfen uns nicht kaltlassen.

Gleichzeitig müssen sie seriös eingeordnet werden: Die Statistik bildet nicht das gesamte Fehlergeschehen in Deutschland ab. Erfasst werden ausschließlich Fälle, die den Krankenkassen bekannt wurden und anschließend durch einen Medizinischen Dienst begutachtet worden sind. Wie viele Behandlungsfehler tatsächlich geschehen, ist unbekannt.

Die Statistik ist daher weder ein Beweis für eine bestimmte allgemeine Fehlerquote noch ein Qualitätsranking medizinischer Fachgebiete. Sie zeigt aber unmissverständlich, dass vermeidbare Schäden regelmäßig auftreten und dass Deutschland bis heute kein verbindliches, vollständiges Monitoring solcher Ereignisse besitzt.

Gerade dieses fehlende Wissen ist ein Problem.

Nicht jede Komplikation ist ein Behandlungsfehler

Wer über Behandlungsfehler schreibt, muss sorgfältig unterscheiden. Nicht jeder ungünstige Verlauf, nicht jede Komplikation und nicht jede ausbleibende Genesung ist automatisch auf einen Fehler zurückzuführen.

Medizin kann nicht jedes Risiko ausschließen. Auch bei fachlich richtiger Behandlung können schwere Folgen eintreten. Für Betroffene und ihre Familien ist diese Unterscheidung emotional oft kaum auszuhalten, sachlich aber unverzichtbar.

Ich würde deshalb auch die schwere Erkrankung und die heutige Situation meiner Mutter niemals ohne eine entsprechende medizinische und rechtliche Prüfung als Folge eines Behandlungsfehlers darstellen. Persönliche Betroffenheit darf journalistische Sorgfalt nicht ersetzen.

Umgekehrt darf der Hinweis auf unvermeidbare Komplikationen aber auch nicht dazu benutzt werden, berechtigte Fragen abzuwehren. Wo ein Verdacht besteht, müssen Patientinnen, Patienten und Angehörige die Möglichkeit erhalten, den Ablauf unabhängig prüfen zu lassen.

Ein Gutachten kann Gewissheit schaffen – auch dann, wenn sich ein Verdacht nicht bestätigt. Für die Verarbeitung eines schweren gesundheitlichen Ereignisses kann es entscheidend sein, zu verstehen, was tatsächlich geschehen ist.

Pflege weist eine auffällig hohe Bestätigungsquote auf

Besonders aufmerksam macht mich ein Ergebnis aus dem Bereich der Pflege. Von 776 begutachteten Vorwürfen wurden 481 als Fehler bestätigt. Das entspricht einer Quote von 62 Prozent.

Diese Zahl bedeutet ausdrücklich nicht, dass 62 Prozent aller Pflegehandlungen fehlerhaft wären. Begutachtet wurden bereits ausgewählte Verdachtsfälle. Pflegefehler sind zudem für Betroffene und Angehörige häufig leichter wahrnehmbar als Fehler in komplexen diagnostischen oder intensivmedizinischen Abläufen.

Trotzdem darf man eine solche Zahl nicht beiläufig übergehen.

Pflege ist kein bloßer Anhang der Medizin. Sie entscheidet mit darüber, ob Medikamente richtig verabreicht, Veränderungen rechtzeitig erkannt, Druckstellen vermieden, Sonden und Katheter sachgerecht versorgt und notwendige Maßnahmen zuverlässig durchgeführt werden.

Aus meinem eigenen Alltag weiß ich, wie sehr Sicherheit von vermeintlichen Kleinigkeiten abhängt. Stimmen Medikament, Dosierung und Zeitpunkt? Ist ein Hilfsmittel geeignet? Funktioniert die Versorgung über die Sonde? Werden Auffälligkeiten ernst genommen? Wurden wichtige Informationen an die nächste beteiligte Stelle übermittelt?

Bei einem schwerstpflegebedürftigen Menschen können kleine Unachtsamkeiten erhebliche Folgen haben. Deshalb ist Aufmerksamkeit keine Übervorsicht. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil von Fürsorge.

Manche Fehler dürften überhaupt nicht mehr vorkommen

Besonders erschütternd sind die sogenannten „Never Events“. Damit werden schwerwiegende Ereignisse bezeichnet, die durch bekannte Sicherheitsmaßnahmen grundsätzlich vermeidbar sein sollten.

Die Statistik weist für 2025 insgesamt 150 solcher Fälle aus. Dazu gehören Verwechslungen von Körperteilen oder Eingriffen, unbeabsichtigt im Körper zurückgelassene Fremdkörper, Medikationsfehler sowie Schäden durch die fehlerhafte Anwendung von Medizinprodukten.

Allein 48 Fälle betrafen Verwechslungen. In 35 Fällen wurde während einer Operation ein Fremdkörper unbeabsichtigt zurückgelassen. 25 Menschen erlitten einen Schaden durch ein falsches Medikament, eine falsche Dosierung oder eine fehlerhafte Verabreichung.

Auch diese Zahlen erfassen nur einen Ausschnitt. Umso dringlicher stellt sich die Frage, warum Deutschland Ereignisse, die durch Checklisten und verbindliche Sicherheitsabläufe vermeidbar wären, noch immer nicht systematisch und vollständig dokumentiert.

Wenn sich vergleichbare Fehler wiederholen, reicht es nicht, nach einem einzelnen Schuldigen zu suchen. Dann müssen Abläufe, Kommunikation und Kontrollmechanismen überprüft werden.

Patientensicherheit braucht eine offene Fehlerkultur

Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte arbeiten häufig unter erheblichem Zeitdruck, mit zu wenig Personal und in komplexen Strukturen. Viele leisten unter schwierigen Bedingungen Außergewöhnliches. Eine ernsthafte Debatte über Behandlungsfehler darf ihre tägliche Arbeit deshalb nicht pauschal abwerten.

Doch Wertschätzung darf nicht mit Schweigen verwechselt werden.

Eine gute Fehlerkultur verfolgt nicht zuerst die Frage: Wer ist schuld? Sie fragt: Wie konnte das geschehen – und wie verhindern wir, dass es erneut passiert?

Beschäftigte im Gesundheitswesen müssen Risiken und kritische Zwischenfälle melden können, ohne automatisch persönliche Sanktionen befürchten zu müssen. Nur wenn Schwachstellen offen benannt werden, können Krankenhäuser, Praxen und Pflegeeinrichtungen aus ihnen lernen.

Gleichzeitig brauchen Betroffene verständliche Informationen, vollständige Behandlungsunterlagen und unabhängige Unterstützung. Krankenkassen sind verpflichtet, ihre Versicherten bei der Aufklärung eines Behandlungsfehlerverdachts zu unterstützen. Diese Möglichkeit ist jedoch vielen Menschen kaum bekannt.

Wer nach einem gesundheitlichen Schaden erschöpft, verängstigt oder dauerhaft eingeschränkt ist, kann seine Rechte häufig nicht ohne Hilfe durchsetzen. Auch deshalb tragen Angehörige eine wichtige Verantwortung. Sie erinnern sich an Abläufe, dokumentieren Gespräche, sammeln Unterlagen und stellen Fragen, die der betroffene Mensch selbst vielleicht nicht mehr stellen kann.

Fragen zu stellen ist kein Misstrauen

Ich habe in den vergangenen Jahren gelernt, medizinische und pflegerische Entscheidungen nicht einfach nur entgegenzunehmen. Ich frage nach, wenn etwas unklar ist. Ich vergleiche Verordnungen, kontrolliere Angaben und dokumentiere Veränderungen.

Das kann anstrengend sein – für alle Beteiligten. Doch es geschieht nicht aus grundsätzlichem Misstrauen gegenüber medizinischen oder pflegerischen Fachkräften. Es geschieht aus Verantwortung gegenüber einem Menschen, der seine eigenen Interessen nicht mehr selbst vertreten kann.

Gute Fachkräfte empfinden sachliche Nachfragen nicht als Angriff. Sie erklären ihre Entscheidungen, nehmen Beobachtungen ernst und wissen, dass Angehörige oft wichtige Informationen beitragen können.

Patientensicherheit entsteht dort, wo Fachwissen und Fürsorge zusammenkommen. Sie entsteht durch Kommunikation auf Augenhöhe – und nicht durch die Erwartung, dass Patienten und Angehörige alles widerspruchslos hinnehmen.

Jeder vermeidbare Fehler muss zählen

Die Jahresstatistik zeigt nur einen Teil der Wirklichkeit. Hinter dem bekannten Hellfeld steht ein vermutlich großes Dunkelfeld aus nicht erkannten, nicht gemeldeten oder nicht weiterverfolgten Ereignissen.

Deutschland braucht deshalb ein verbindliches Monitoring schwerwiegender vermeidbarer Schäden. Es muss möglich sein, wiederkehrende Fehlerkonstellationen zu erkennen, Einrichtungen bei notwendigen Verbesserungen zu unterstützen und die Erkenntnisse für die Prävention zu nutzen.

Dabei darf es nicht allein um Haftung und Schadenersatz gehen. Diese sind für Betroffene wichtig, können einen erlittenen gesundheitlichen Schaden aber niemals ungeschehen machen.

Das wichtigste Ziel muss sein, den nächsten Fehler zu verhindern.

Fürsorge bedeutet für mich daher auch, über Patientensicherheit zu sprechen. Nicht um Angst zu verbreiten und nicht, um Menschen vorschnell zu beschuldigen. Sondern um Verantwortung einzufordern, Erfahrungen ernst zu nehmen und vermeidbares Leid möglichst zu verhindern.

Denn wirkliche Fürsorge schaut nicht weg. Sie hört zu, fragt nach und handelt – gerade dann, wenn ein Mensch nicht mehr selbst für seine Rechte eintreten kann.

Andreas Breitkopf

Andreas Breitkopf

freiberuflicher Journalist & PR-Referent

Andreas Breitkopf ist freiberuflicher Journalist und PR-Referent mit einer Leidenschaft für gut recherchierte Inhalte und klare Kommunikation. Mit seiner langjährigen Erfahrung in der Medienbranche bringt er komplexe Themen auf den Punkt und gibt seinen Lesern hilfreiche Einblicke sowie praxisnahe Tipps. Als Vollzeitpfleger seiner Mutter meistert Andreas zudem den Spagat zwischen Familie und Beruf, was ihm eine besondere Perspektive auf die Herausforderungen des Lebens gibt.

Wenn Sie mehr über seine Arbeit erfahren möchten, folgen Sie ihm auf Social-Media oder nehmen Sie Kontakt auf unter kontakt@andreas-breitkopf.de

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