Georg Stengel über Freiheit, Verlust, Ost-Identität & Album „ISSO“

von | Apr. 16, 2026 | Allgemein

Georg Stengel über „ISSO“: „Ich mache, worauf ich Lust habe“

Georg Stengel steht mit seinem neuen Album „ISSO“ für eine Haltung, die in der deutschen Musiklandschaft angenehm unverstellt wirkt: nicht geschniegelt, nicht glattgebügelt, nicht auf Marktlogik reduziert. Stattdessen zeigt der Sänger und Songwriter ein Projekt, das viele Seiten zulässt – Pop, Ballade, Partystimmung, Nachdenklichkeit, persönliche Verluste und klare Botschaften. Im Gespräch wird schnell deutlich: Dieses Album ist nicht bloß eine neue Veröffentlichung, sondern ein Befreiungsschlag.

Schon zu Beginn beschreibt Georg Stengel sehr offen, warum „ISSO“ für ihn so besonders ist. Musik, die sich nur in einer einzigen Richtung bewegt, reiche ihm einfach nicht aus. Er liebe „einen tollen Popsong oder eine herzzerreißende Ballade“, sei aber eben auch jemand, der mit großer Freude feiert. Genau deshalb habe er sich für dieses Album gesagt: „Das mache ich jetzt einfach alles!“ In diesem Satz steckt bereits die DNA von „ISSO“: Vielfalt nicht als Konzeptpapier, sondern als ehrliche künstlerische Konsequenz.

 

Gegen Schubladen – musikalisch und gesellschaftlich

Bemerkenswert ist, dass Georg Stengel das Motiv der Schubladen nicht nur auf die Musik bezieht. Er denkt es weiter – hinein in gesellschaftliche Zuschreibungen, Vorurteile und Identität. Besonders deutlich wird das beim Song „OSSI“, den er als Hymne auf den Osten versteht. Obwohl er die Mauerzeit selbst nicht erlebt hat, spüre er bis heute die Vorbehalte gegenüber Ostdeutschland. Freunde mit sächsischem oder Berliner Einschlag würden noch immer schnell als „dumm abgestempelt“. Für ihn war es deshalb wichtig, genau diesem Thema Raum zu geben und deutlich zu machen: „Im Osten wohnen tolle und coole Menschen.“

Dieser Gedanke passt erstaunlich gut zum gesamten Album. „ISSO“ wirkt nämlich auch deshalb so geschlossen, weil Georg Stengel nicht nur musikalische Grenzen sprengen will, sondern generell ein Künstler ist, der sich gegen vorschnelle Einordnungen wehrt. Sein erklärtes Ziel formuliert er fast provokant: Er wolle „das abwechslungsreichste Album der Welt“ haben. Darin steckt Witz, aber eben auch Ernst. Es geht um das Recht, alles sein zu dürfen – gefühlvoll, laut, sentimental, wild und widersprüchlich.

 

Wenn Musik zum persönlichen Erinnerungsort wird

Neben aller Leichtigkeit berührt das Album auch dort, wo Georg Stengel sehr persönliche Erfahrungen einbringt. Besonders eindrücklich spricht er über einen Song für seinen verstorbenen Vater. Den Wunsch, ihm ein Lied zu widmen, habe er schon seit 20 Jahren mit sich getragen. Nun habe er ihn sich mit „Heute schon eine Mann“ erfüllt. Dass er darüber mit einem gewissen Stolz spricht, ist nachvollziehbar – denn solche Songs entstehen nicht nebenbei, sondern oft erst dann, wenn ein Mensch innerlich bereit ist, Erlebtes in Kunst zu verwandeln.

Dabei beschreibt Georg Stengel diesen Prozess nicht als Last, sondern sogar als befreiend. Über emotionale Themen zu schreiben und zu singen, sei für ihn etwas, das ihn löse. Das erklärt vielleicht auch, warum „ISSO“ trotz der Gegensätze nie beliebig wirkt. Die ernsten Momente klingen nicht aufgesetzt, die ausgelassenen Nummern nicht oberflächlich. Alles speist sich aus derselben Persönlichkeit – aus einem Menschen, der offenbar gelernt hat, die Höhen und Tiefen des Lebens nicht voneinander zu trennen.

 

Bühne, Kaiser-Moment und Community

Dass Georg Stengel dieses Spannungsfeld auch live überzeugend transportieren kann, hat sicher mit seiner Bühnenerfahrung zu tun. Als Support-Act für Roland Kaiser auf Stadiontour unterwegs zu sein, sei für ihn „eine riesige Ehre“ gewesen. Rückblickend spricht er davon, dass ihm diese Zeit viele Türen geöffnet und zahlreiche neue Fans gebracht habe. Mit sympathischer Offenheit erzählt er sogar, dass er sich auf der Bühne manchmal eine typische Handbewegung von Roland Kaiser abgeschaut habe. Solche Aussagen zeigen: Hier spricht jemand, der Vorbilder anerkennt, ohne sich hinter ihnen zu verstecken.

Auch über Social Media spricht Georg Stengel differenziert. Einerseits sei es ein kreativer Raum und ein direkter Draht zu den Menschen, die seine Musik feiern. Andererseits kenne er durchaus den Druck, ständig auf Reichweiten, Likes und Klickzahlen zu schauen. Diese Ambivalenz dürfte viele Künstlerinnen und Künstler beschäftigen – bei ihm klingt sie besonders glaubwürdig, weil er den Wert der digitalen Community durchaus sieht, gleichzeitig aber betont, wie wichtig ihm echte Begegnungen bei Konzerten und auf Tour sind.

 

Reifer geworden – ohne sich selbst zu verlieren

Spannend ist auch sein Blick auf die eigene Entwicklung. Seit „The Voice of Germany“ hat sich viel verändert. Georg Stengel beschreibt sich selbst aus dieser frühen Zeit als „total naiv“. Er habe damals sogar geglaubt, man werde mit Musik auf jeden Fall reich – nur um später festzustellen, dass die Realität deutlich komplexer aussieht. In dieser Selbstironie liegt jedoch keine Verbitterung, sondern Reife. Sie zeigt, dass er seinen Weg nicht romantisiert, sondern mit einer Mischung aus Humor und Klarheit betrachtet.

Genau dieser Ton prägt auch seine Lebenshaltung insgesamt. Ein Schlüsselmoment scheint für ihn der Tod seiner Oma gewesen zu sein. Damals habe er besonders deutlich gespürt, wie schnell das Leben vorbei sein könne. Daraus habe sich ein Grundsatz entwickelt, den man auf „ISSO“ an vielen Stellen heraushört: das Leben leicht nehmen, es nicht unnötig beschweren und das Beste daraus machen. Oder, wie Georg Stengel es selbst formuliert: Er sei ein „Lebemann“ – jemand, der das Leben nicht zu ernst nimmt und lieber echt als geschniegelt unterwegs ist.

 

„ISSO“ als Lebensgefühl

Vielleicht ist genau das der Kern dieses Albums. „ISSO“ sagt nicht: So musst du sein. Es sagt eher: Trau dich, alles von dir zuzulassen. Den Schmerz, den Spaß, die Herkunft, die Sehnsucht, die Wut, die Lust auf gute Unterhaltung und den Wunsch, in keinem Raster stecken zu bleiben. Deshalb funktioniert auch Georg Stengels knappe Selbstbeschreibung des Albums so gut. Er habe sich nie verändern lassen und wolle künftig „immer das machen, worauf ich Bock habe“. Diese Freiheit, so klingt es im Gespräch durch, betrachtet er als Privileg – und als etwas, das er sich nicht mehr nehmen lassen will.

Mit Blick auf die kommende „ISSO“-Tour verspricht Georg Stengel eine Show, die von allem etwas bietet – oder, in seiner eigenen Zuspitzung, sogar noch mehr als nur eine Mischung. Emotion, Spaß, Unberechenbarkeit und echte Unterhaltung sollen die Abende prägen. Das passt zu einem Künstler, der nicht geschniegelt auf Nummer sicher geht, sondern lieber alles auf die Bühne bringt, was ihn ausmacht. Gerade darin liegt die Stärke von „ISSO“: Das Album klingt nicht nach Strategie, sondern nach Mensch.

 

Den vollständigen Beitrag zur Albumveröffentlichung „ISSO“ mit Einordnung und Song-Analyse findest du auf hitbarometer.de.

➡️ Zum Artikel: https://hitbarometer.de/georg-stengel-zeigt-auf-isso-sein-bislang-freiestes-album/

Andreas Breitkopf

Andreas Breitkopf

freiberuflicher Journalist & PR-Referent

Andreas Breitkopf ist freiberuflicher Journalist und PR-Referent mit einer Leidenschaft für gut recherchierte Inhalte und klare Kommunikation. Mit seiner langjährigen Erfahrung in der Medienbranche bringt er komplexe Themen auf den Punkt und gibt seinen Lesern hilfreiche Einblicke sowie praxisnahe Tipps. Als Vollzeitpfleger seiner Mutter meistert Andreas zudem den Spagat zwischen Familie und Beruf, was ihm eine besondere Perspektive auf die Herausforderungen des Lebens gibt.

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